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Insta-view tach_ginger: „Ich habe eine Schwäche für Senioren.“

Auf Instagram postet Valeska unter tach_ginger. Ihre Fotos sind mir aufgefallen, weil sie anders sind. Ich mag die Linien, das Skurile, das Schöne, die Melancholie. Und ich mag ihre Fotos, weil viele Bilder in Leipzig entstehen und ich Valeskas Blick auf die Stadt mag. Einen Blog hat sie nicht (dachte ich). …Klarer Fall für’n „Insta-view“. Das ist unsere Interviewreihe mit Frauen, deren Instagram-Accounts wir mögen. Auch bei „tach_ginger“ wollte ich gern wissen, wer hinter dem Profil steckt. Also habe ich sie einfach gefragt, ob sie Lust auf ein Interview hat. Und ja, herrliche Welt, Valeska hat sich die Zeit genommen und ganz offen über sich und ihre Bilder erzählt.

Valeska, wer steckt hinter tach_ginger? 

Ich bin 29 Jahre alt und wohne seit knapp 2 Jahren in Leipzig. Ursprünglich komme ich aus dem tiefsten Westen an der holländischen Grenze in der Nähe von Aachen. Studiert habe ich Kommunikationsdesign in Münster und ein Semester Fotografie in Istanbul. Dort war ich nach meinem Studium nochmals für ein weiteres Jahr. Inzwischen bin ich selbstständig und habe letztes Jahr mit einer guten Freundin ein Büro im Tapetenwerk gegründet. Ich verbinde Grafikdesign mit meiner Begeisterung für Fotografie, darunter fällt auch mein Instagram- Account tach_ginger.

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Woher kommt der Name Deines Accounts und was bedeutet er?

Seit über sechs Jahren bin ich rothaarig. Mein Vater schon sein Leben lang. Meine Mutter wünschte sich immer rothaarige Kinder. Da keiner von uns Dreien (ich habe noch zwei Geschwister) rote Haare hatte, tat ich ihr den Gefallen und wurde zum Ginger… 🙂 „tach“ sagt man bei uns im Rheinland / Ruhrgebiet zur Begrüßung.

Seit wann bist Du auf Insta?

Im Herbst 2013 ging ich nach Istanbul und mit mir kam mein erstes Smartphone. Um die Liebsten Zuhause auf dem Laufenden zu halten, beschloss ich, Instagram zu nutzen, da ich etwas tippfaul war für wöchentliche Email-Updates. Für mich kann ein Photo wirklich mehr erzählen als Worte. Meine Fotos auf Instagram entstehen alle mit einem iPhone 5.

Bearbeitest Du Deine Bilder?

Ja, ein bisschen mit VSCO Cam. Dort nutze ich meine 3-4 Lieblingsfilter, um die Atmospäre des Bildes zu unterstreichen. Danach wird es mit Ortsangabe aber oft ohne Hashtag auf Instagram gepostet. Außer es ist ein wartender Hund #waitingdogs oder ein hübsches Auto #asundaycarpic.

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Ich habe oft den Eindruck, dass Deine Bilder eine Geschichte erzählen – ist dem so?

Von Anfang an habe ich vermieden, die klassischen Motive zu inszenieren, die viele Accounts normalerweise bereithalten. Bei mir gibt es selten FoodPhotos, Selfies oder „Schnappschüsse“ zu sehen. Ganz kann ich jedoch nicht darauf verzichten, daher versteht sich mein Account nicht als ein strikes Konzept, sondern eher als visuelles Tagebuch. Ich suche das Schöne und Kuriose im Alltag. Manchmal auch Tristesse und Banalitäten.

Nach konkreten Geschichten suche ich nicht direkt. Ich versuche, flüchtige Momente einzufangen, die natürlich auch für Jeden Geschichten erzählen können. Mein Blick hat sich mit der Zeit geschärft und das Fotografieren passiert intuitiv.

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Manchmal nutze ich die Möglichkeit, bewusst spazieren zu gehen mit Freunden. Wir nehmen uns jedes Mal ein anderes Viertel in der Stadt vor und schlendern bis zu fünf Stunden durch das neue Gebiet. Nicht nur in Leipzig.

Hast Du ein Lieblingsfoto?

Nein. Jedes steht und wirkt für sich. Ich könnte mich nie entscheiden. Dennoch gibt es Motive, mit denen ich inzwischen eine ganze Serie zusammenstellen könnte. Ich habe eine Schwäche für Senioren. Das meist unaufgeregte Assemble in Beige ist voller Geschichte und wirkt zum Neidisch werden entschleunigt. Die meisten Menschen nehmen unsere „Alten“ gar nicht mehr wahr in ihrer Tarnkleidung. Ich biete ihnen gelegentlich ungefragt eine Bühne, die auch junge Betrachter anlockt. Hierbei geht es mir nicht um den voyeuristischen Aspekt, sondern vielmehr um das Erforschen und Eintauchen in eine noch fremde Welt, quasi in meine Zukunft.

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Linien und Strukturen sind Dir wichtig, oder?

Ja, meine Photos sind überwiegend sehr grafisch. Die Komposition ist die Dominanz in den Photos. Linien führen gerade durchs Bild. Größenverhältnisse sind bewusst arrangiert etc.
Diese Art der Fotografie habe ich mir durch das Grafikdesignstudium angeeignet. Zurzeit versuche ich das gelegentlich zu brechen. Jedoch fällt es mir sehr schwer. Ich sehe die Motive auf der Straße immer schon in einem grafischen Rahmen. Dann zücke ich mein Handy, halte drauf und drücke meist nur einmal ab. Der Alltag ist voller Linien, Farben, Kompositionen und natürlich Überraschungen. Meine Mitbewohnerin sagt immer: ,,Du bist wie ein Hund der an jeder Ecke anhalten und pinkeln muss.“

Wie entstehen die Ideen für Deine Bilder?

Als ich im Juli 2014 nach Leipzig gezogen bin, habe ich mit meinem Handy alles festgehalten, was mir hier begegnete – Gebäude, Toiletten auf illegalen Parties oder der Verbrauchermarkt am Stadion. Ich hielt Ausschau nach Nostalgie, Bodenständigkeit, Kuriositäten und Klischees. Natürlich sehe ich die Stadt nach fast zwei Jahren wieder etwas anders aber ich sammle immer noch. Wenn ich meine ersten Fotos sehe, ist das auch immer noch Leipzig/Sachsen für mich.

Es ist eine bestimmte Atmosphäre, der ich einen Namen und Archiv geben wollte, um daraus ein Langzeitprojekt zu machen. Solange ich hier lebe, wird es kein Ende geben und daher die Wahl eines Blogs, auf dem ich in unregelmäßigen Abständen Fotos hochlade.

Ja wunderbar, es gibt doch einen Blog. Letzte Frage: Was treibt Dich an?

Egal, wo ich auf der Welt gerade bin, ich beobachte sehr genau meine Umgebung und die Menschen in ihr. Ich möchte Details sehen, das Leben dort verstehen. Viele Sachen entstehen zunächst ohne Konzept und entwickeln sich mit der Zeit, daher steht nicht hinter jedem Projekt eine große Idee. Die meiste Zeit lebe ich in den Tag hinein und lasse mich vom Alltag tragen und den Dingen/Personen die mir begegnen inspirieren.

An vielen Tagen möchte ich gar nichts (er)schaffen und einfach nur (da)sein. Ich würde mich selbst als Träumerin bezeichnen aber mit recht stark ausgeprägten deutschen Eigenschaften 🙂  (Sicherheiten schaffen, Verantwortung übernehmen, Pessimismus/Zukunftsängste etc.) Diese halten mich aber nicht davon ab, mich gemäßigt von einem Abenteuer ins Nächste zu stürzen. Dieses Jahr werde ich 30, mal sehen ob ich etwas sesshafter werde…

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Liebe Valeska, Danke für Deine Zeit und das Interview. Sollte es irgendwann mal einen Ausstellung mit Deinen Bildern geben, sag gerne Bescheid!

Teil eins meiner Insta-view Reihe findet Ihr hier.

Hinweis: Alle Bilder sind urheberrechtlich geschützt und wurden schönes + leben für diesen Post zur Verfügung gestellt. Die Rechte liegen bei Valeska Hoischen.

 

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