Macherinnen, schöneFrau
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Die „Hier und Jetzt“-Frau.

Sonntagnachmittag ist Blog-Zeit! Ich möchte Euch heute meine zweite „Macherin“ vorstellen: meine Omi Jutta (90) – eine der großartigsten Frauen, die ich kenne. Dafür nutze ich ein Textfragment, das seit mehr als einem halben Jahr in meinem Entwurfsordner schlummert. Ich habe eine Weile gebraucht, es zu veröffentlichen, weil… es sehr persönlich ist.

Diese Woche habe ich mit ihr telefoniert. Schön war’s, sie zu hören. Es geht ihr gut – mit alterstypischen Einschränkungen, wie ein Arzt sagen würde. Heißt: Seit Jahren schon machen die Knie und der Rücken nicht mehr richtig mit, das Laufen fällt ihr schmerzhaft schwer. Und auch das Herz ist nicht mehr das Beste. „Aber solange es in der Rübe funktioniert“, sagt sie immer.

Ich denke an einen schönen Nachmittag im Sommer letzten Jahres, den wir zusammen verbracht haben: Wir sitzen in ihrer minikleinen Wohnung. In dem alten Fährhaus am Elbufer lebt sie seit fast 70 Jahren, meine Onkels haben ihr hier eine kleine Wohnung hergerichtet. Hier bewegt sie sich sicher, kocht immer noch selbst. Mit 90! Meine Tante kümmert sich um sie, wäscht die Wäsche, hilft, wo es eben nötig ist. Vier Kinder, sechs Enkel, drei Urenkel, ihre Familie trägt sie. Omi’s silbergraue Haare sind frisch gemacht, sie trägt eine pink-weiß-karierte Bluse, die ihr gut steht.

Die Angst, zu wenig gefragt zu haben

Ich bin hier, weil ich mit ihr Zeit verbringen und über früher reden möchte. Immer öfter packt mich die Angst, zu wenig gefragt zu haben. Das spüre ich vor allem bei Gesprächen mit meinem großen Sohn. Wenn er Fragen hat zum Krieg, wenn es um Geschichten hinter den Geschichtsfakten geht. Da krieg‘ ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, weil ich mir zwischen Familie, Job und dem normalen Alltagswahnsinn (zu) selten einen Tag Zeit nehme und nach Dresden fahre. Weil ich öfter anrufen könnte.

Zu meiner Omi habe ich eine besondere Bindung. Vielleicht, weil ich die älteste Enkeltochter bin, nur acht jünger als ihr jüngster Sohn, vielleicht weil ich sonst keine Großeltern habe/hatte. Irgendwie war da immer das Gefühl, dass sie mich versteht. Als Teenager war ich oft zusammen mit ihr im Urlaub. Eine herrliche Zeit. Fernsehen bis zum Anschlag, einfach Sein, null Streit. Ihr Mann, mein Opa Walther, ist schon zeitig gestorben, 1983. Da war er gerade mal 60. Fünf Jahre habe sie ihn gepflegt, erzählt sie mir.

Ein hartes Leben ohne zu Hadern

Meine Großeltern hatten ein hartes Leben. Wenn ich die Fakten heute von meiner Omi höre und selbst eine Familie habe, kann ich mir das alles schwer vorstellen. Vier Kinder, Job, Haus und großes Grundstück, schwieriger Mann, keine Spülmaschine oder so, DDR-Mangelwirtschaft. Dabei erzählt von früher ganz sachlich und eigentlich nur auf mein Nachfragen. Sie versinkt nicht in Erinnerungen wie so viele andere ältere Menschen, für die die Gegenwart ungemütlich geworden ist und die im Damals leben. Meine Omi ist schon immer eine „Hier-und-Jetzt-Frau“. Geboren als 3. Kind am 2. August 1925 im ostsächsischen Löbau, hatte sie eine schöne und recht unbeschwerte Kindheit, erzählt sie. Der Familie ging es gut. Jutta besucht nach der Mittleren Reife von 1942 bis 1944 die Höhere Handelsschule. Mitten im Krieg, 1942, lernt sie ihren späteren Mann Walther kennen, ein gebürtiger Dresdner, der zum Arbeitsdienst in Löbau eingeteilt ist. Fotos aus der Zeit zeigen sie als eine elegante dunkelhaarige junge Frau mit einer Wasserwelle im Haar.

Irgendwie geht das Leben weiter

Jutta und Walther sehen sich erst wieder als der Krieg zu Ende ist. Meine Oma hat inzwischen ihren Bruder und ihre Eltern verloren. Mein Opa ist mit kaputtem Arm und verwunderter Seele von der Front zurück. Bald stirbt auch sein Vater, seine Mutter hatte er schon als Teenager verloren. Die Beiden haben nur noch sich.

Doch irgendwie geht das Leben weiter. Hochzeit. Jutta zieht nach Dresden in das alte Fährhaus. Hierher, wo sie ihr Leben leben wird. 1947 wird ihr erster Sohn geboren, mein Vater. Es ist eine schwere Zeit. Meine Oma kann nicht stillen, es gibt kaum etwas zu essen. Mit Ziegenmilch päppelt sie ihr Kind auf. Sie hat niemand, der ihr hilft, in ihre Mutterrolle zu finden und ihre Liebe zu zeigen. Drei weitere Kinder folgen. Vieles schultert sie in diesen Jahren allein. Mein Opa ist extrem sparsam, sie muss damit zurechtkommen. Als der Jüngste in die Schule kommt, nimmt sie einen Job in einem städtischen Unternehmen an, ist für die Materialversorgung zuständig. Ein Job, den sie liebt, der ihr viel Bestätigung bringt und der extrem viel Nerven kostet. Denn Baumaterial zu besorgen in einem Land, wo es an allen Ecken und Enden fehlte, war eine Herausforderung. Außerdem kümmert sie sich um Haushalt, Haus und Familie – im Grunde allein. Mein Opa macht seins, so wie damals viele Männer. War halt Frauensache, der Familienkram.

Nun ist es eben so: Die Hier-und-Jetzt-Frau.

Ich frage sie, woher sie die Kraft genommen hat für all die Täler und die Ebenen. „Ach weißt Du“, sagt sie, „mein Vater hatte auf seinem Schreibtisch einen Spruch stehen ‚Nun ist es eben so.‘ und den habe ich mir immer wieder gesagt, wenn es dicke kam.“ Im Hier und Jetzt sein, nicht Hadern, Situation annehmen und sich durchbeißen. Nicht zu viel grübeln, selbst-sicher sein, wenig reflektieren. „Außerdem hatte ich immer gern Menschen um mich rum, wir haben gern und viel gefeiert.“ Halt in der Familie finden, Menschen mögen, bei sich sein. Und wenig bedauern (müssen).

Meine Omi ist die zweite Macherin in dieser Rubik, in der ich großartige Frauen vorstelle. Dort gehört sie hin. Definitiv.

Elbufer-Blick

Fährstraße  

Ich verlinke diesen Post mit dem #sonntagsglück bei soulsisterermeetsfrieds, den #nicelittlethings von miss red fox. und dem Wochen(glück)-Rückblick von fräulein ordnung.

Traumfrau Nummer 1 findet Ihr hier.

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5 Kommentare

  1. Liebe Anja,
    so schön geschrieben, dieses Portrait. Ja, unsere Großmütter sind (in meinem Fall war) echte Traumfrauen. Das mit den Fragen ist ein guter Impuls. Schön, dass Du Antworten bekommen hast. Ach, wie gerne würde ich meine Omi nun anrufen…

    Viele Grüße von einer Namensvetterin aus Stuttgart
    Anja

  2. Pingback: LiebLinks-Montag {02.2016}

  3. Hesse Kerstin sagt

    Hi Anja.
    Habe gerade den Artikel von Oma Jutta gelesen. Habe erst jetzt die Info bekommen. Schön geschrieben. Stöbere jetzt immer bisschen in eurem Blog.

    Gruss Kerstin

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