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Zeit, um loszulassen!

Lifeestyleblog Leipzig ü40

Es passierte am Wochenende auf dem Weg zum Yoga. Ich radelte in der Sonne so vor mich hin, dachte mal wieder über dieses eine Projekt nach, kaute gedanklich alle Fakten durch, drehte mich im Kreis und war extrem genervt. Und plötzlich wusste ich es ganz genau: Anja, Du musst jetzt loslassen. 

Seit Monaten arbeite ich intensiv an diesem Projekt, hab mich richtig darin verbissen. Und doch klappt es nicht. Nicht so, wie ich es mir vorstelle, nicht so, wie es mir gut tut. Es geht nur noch um die Form, nicht mehr um den Inhalt. Und ehrlich, will ich das? Nee, will ich nicht.

Zeit, um loszulassen.

Zeit, um ein bisschen Lebenserfahrung für mich arbeiten zu lassen. Schließlich bin ich nicht zum ersten Mal an diesem Punkt.

Ich weiß doch: Wenn Du es immer und immer wieder versuchst und es so nicht klappen will, lass einfach los. Lass Luft dran, entspanne Dich. Mache was anderes. Gehe auf Abstand. Und warte, was passiert. Manchmal ergeben sich durch diese Weite die verrücktesten Wendungen. Du erkennst einen Weg, den Du vorher vor lauter Verbohrtheit und extremer Fokussierung gar nicht sehen konntest.

Nun gibt es dieses Loslassen nicht nur im beruflichen Bereich – sondern auch im Privaten und Persönlichen und zwar in verschiedenen „Ernst- und Anspruchslevel“. Solch einen Loslass- Prozess durchzuziehen, gehört zu den schwierigsten Tätigkeiten, die ich kenne. Und gleichzeitig ist es die befreiendste Sache, die es gibt. Natürlich im Sinne von: Ich hab verdammt noch mal alles versucht, es wird einfach nicht. Ich habe mich belesen, ich habe geackert, ich habe Hilfe in Anspruch genommen. Ich habe meinem Partner, meinen Freundinnen, meinen Kollegen, vielleicht meinen Eltern ein Ohr abgekaut. Ich habe es intensiv über viele Monate versucht. Doch: es klappt nicht. Also muss ich was ändern, muss eine Entscheidung treffen. Muss loslassen. Und damit Raum schaffen für eine Entscheidung und etwas Neues.

Beispiele für Loslassen, die ich von mir und/oder aus meinem Umfeld kenne:

Den verständlichen, häufig lähmenden fiesen Wunsch nach Sicherheit loslassen, wenn Du merkst, dass Dir Dein Job nicht gut tut und Du etwas ändern musst. Allumfassende Sicherheit gibts nicht.

Der Erkenntnis folgen, dass dieses Studium oder diese Ausbildung nichts für Dich ist und den Anspruch loslassen, einen geraden beruflichen Weg gehen zu wollen. Die besten Karrieren sind die mit vielen Knicken!

Deinen Bruder oder Deine Schwester loslassen und akzeptieren, dass sie ein eigenes Leben nach ihren Vorstellungen und mit ihrem Maß an Nähe zur Dir führen.

Den Wunsch nach Eltern oder Schwiegereltern loslassen, wie Du sie gern gehabt hättest. Sie sind so sind wie sie sind – mit ihren Stärken und Schwächen.

Deine eigene Firma loslassen, wenn Du merkst, in dieser Konstellation klappt es nicht und Du zerbrichst daran.

Eine Beziehung loslassen, wenn Du erkannt hast, das sie nicht gut für Dich ist und dass sie leider keine Zukunft hat.

Den Mann gehen lassen, der nicht mit Dir leben möchte und aufhören, das Drama immer und immer wieder neu aufzuführen.

Den Wunsch nach einem (weiteren) Kind loslassen.

Die Vorstellung von einem Leben loslassen, das nicht Deins ist, sondern das Deiner Eltern, Deiner Freunde, Kollegen, Deines Umfeldes, der Gesellschaft im allgemeinen.

Die Vorstellung gehen lassen, das Dein Kind das und das macht, weil Du es cool findest. Oder sinnvoll, wichtig, ratsam. Zulassen, dass Dein Kind seinen eigenen Weg sucht und findet. Auch wenn es schmerzhaft ist für Euch beide.

Eine Freundin loslassen und akzeptieren, dass sie ein anderes Leben lebt als Du. Dass es Eure gemeinsame Vergangenheit gibt, aber eben keine Gegenwart und auch keine Zukunft.

Loslassen hat nichts mit Aufgeben zu tun!

Ganz wichtig dabei: Loslassen ist etwas, wofür man Stärke braucht, Stärke und innere Sicherheit. Und man muss Schmerz aushalten können. Mit Aufgeben, dem kleinen feigen Kumpel, hat echtes Loslassen nix zu tun.

Loslassen beginnt, wenn man zuvor mit ganzer Kraft versucht hat, das Ruder rumzureißen. Loslassen braucht Mut, verdammt viel Mut. Man muss sich gegen seine Angst stellen, oft gegen die Liebe, die noch im Herzen ist.

Und dennoch ist Loslassen manchmal die einzige Chance. Die einzige Chance, dass es Deinem Kind besser geht, dass Du Dein Leben wieder in den Griff bekommst, dass Du Dein Leben wieder für Dich hast. Dass sich Dein Herzensprojekt weiterentwickelt und ein Knaller wird.

Und wie so oft im Leben gibt es für den Zeitpunkt und den genauen Ablauf  leider keine Gebrauchsanweisung á la „Die zehn wichtigen Schritte zum Loslassen“. Wie das bei Dir geht, musst Du ganz allein für Dich herausfinden. Das Gute: Du kannst es, jeder hat die Fähigkeit dafür. Höre einfach auf Deinen Bauch.

Allerdings solltest Du Dir merken: Ein bisschen Loslassen, das gibt es nicht. Ja oder nein. So einfach ist das. Die Entscheidung in Dir drin, die muss stehen. Sonst kippelst Du. Eierst rum, fängst wieder an zu lavieren und das ganze Gemuddel geht von vorn los.

Loslassen ist befreiend

Wenn Du also wirklich losgelassen hat, mit allen Konsequenzen, wenn Du Dich wirklich innerlich verabschiedet hast, wird nach einer Weile eine herrliche Befreiung durch Dich strömen. Es fühlt sich warm an, leicht, angenehm. Und nach einer weiteren Weile werden sich wie durch Zauberhand neue Möglichkeiten auftun. Dein Kind geht neue Wege, findet ein neues Hobby, ist ausgeglichener, vielleicht entspannter. Du triffst einen neuen Mann, eine neue Liebe entsteht, Du entdeckst neue Seiten an Dir, merkst, was Dir eigentlich Spaß macht, findest einen neuen Job. Oder machst Dich selbständig. Und dieses eine Arbeitsprojekt – das entwickelt sich. Möglicherweise in eine nie geahnte, wunderbare Richtung.

Das alles passiert, wenn Du endlich mal loslässt.

2 Kommentare

  1. Liebe Anja, ich sitze gerade mit einer Gänsehaut hier. Habe ich doch eben versucht mein #loslassen https://mumsgreatescape.wordpress.com/2017/03/07/loslassen/ in Worte zu fassen. Denn es beschäftigt mich gerade sehr. Und ja, das mit dem Schmerz stimmt. Aber es muss doch irgendwann besser werden?
    Zurück aus Leipzig in der Heimat für 36h, sollte ich mich auf den Moment konzentrieren und den Genuss des Augenblicks. Aber mich beschäftigt so vieles im Moment.
    Meine Gedanken schlagen Purzelbäume, Du hast den Zustand so wunderbar beschrieben…

    Danke, Grüße in mein #lieblingsleipzig zu Dir!

    • Anja sagt

      Mensch Sabine,
      das ist ja ein berührender Post… Verrückt, dass sich das gerade heute so doppelt hat. Es ist gut, dass Du mir vor Augen führst, wie wichtig es ist, den Alltag mit den Kindern zu genießen. Sich immer wieder am Schlawittchen zu packen und es sich schön zu machen. Beim-Mama-Taxi sein. Und Wäsche aufhängen (dunkel 60° wartet gerade noch auf mich 😉 ). Ich kann mir vorstellen, dass es echt eine Herausforderung ist, in ein Leben mit erwachsenen = ausgezogenen Kindern zu finden. Vielleicht braucht es einfach noch ein bisschen Zeit bei Dir?! Loslassen ist eben manchmal auch ein Prozess.

      Ich denke, wenn die Kinder merken, dass wir sie ehrlich loslassen, kommen sie gern zurück. Kein Witz, ich freu mich heute schon drauf, irgendwann Omi zu sein. Das wird bestimmt toll.

      Insofern wünsche ich Deinem Mann und Dir schon mal jetzt einen richtig schönen Urlaub – um es mit Deinen Worten zu sagen: „Ich freue mich auf das Loslassen des Alltags, auf unsere grosse Flucht in das Leben.“

      Herzliche Grüße aus Leipzig von Anja

      PS: Danke fürs Verlinken auf Deinem Blog. Und schön, dass Du hier mitliest!

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